Italienische Malerei der 1920er Jahre – ein unbekanntes Terrain

Bild: Ubaldo Oppi, Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse, 1921, Museum Folkwang Essen

Wäre italienische Malerei der Zeit zwischen beiden Weltkriegen (also von 1919 bis 1938) Thema eines Gesprächs unter Freunden gewesen, hätte ich wahrscheinlich noch vor kurzem die Namen de Chirico, Carrà und Morandi eingebracht. Vielleicht wäre mir noch Savinio eingefallen, der jüngere Bruder von Giorgio de Chirico. Aber zu Richtungen oder Gruppierungen hätte ich nichts zu sagen gewusst. Was war z. B. aus dem Futurismus geworden? Gab es ihn überhaupt noch nach dem Ersten Weltkrieg? Was war aus Boldini geworden? Lebte er überhaupt noch? Oder waren seine flirrenden Frauenporträts völlig aus der Zeit gefallen? Ich hatte keine Ahnung.

Jetzt bringt das Museum Folkwang in Essen unter dem Titel „Unheimlich Real  - Italienische Malerei der 1920er Jahre“ – etwas Licht in das Dunkel eines weitgehend unbekannten Terrains und zeigt rund 80 Werke von 30 Künstlern. Eine entsprechend umfangreiche Ausstellung hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Allerdings wurde vor Jahren in der Jahrhundertausstellung  „Les Réalismes“ über die gegenständliche europäische Malerei von 1919 bis 1939 im Centre Pompidou in Paris der italienischen Malerei mit über 150 Bildern noch mehr Platz eingeräumt.

In Essen fällt bei einem ersten Rundgang auf, dass man im wesentlichen Porträts und kleine Personengruppen zu sehen bekommt. Dazwischen einige Stillleben und zwei oder drei Landschaften. Es fällt auf, dass auf vielen der Porträts Anklänge an die Renaissance zu entdecken sind. Es fällt auf, dass kein futuristisches Bild gezeigt wird. Es fällt auf, dass sich kein Bild mit dem Großen Krieg, seinen Opfern, den Folgen und den Problemen der Zeit auseinandersetzt. Es fällt auf, dass kein Porträt von Boldini gezeigt wird, obwohl das ein toller Kontrast zum Einstieg in das Thema gewesen wäre. Es fällt auf, dass de Chirico nur mit zwei Bildern vertreten ist, darunter einer schwächeren Version seiner oft gemalten Piazza D’Italia aus dem Jahr 1925. (Vielleicht sogar zu Recht, weil seine bahnbrechenden Gemälde, mit denen er den Surrealismus begründete (Melancholie einer Straße, Die beunruhigenden Musen, Der große Metaphysiker, Bildnis Apollinaire z.B.), hauptsächlich in der kurzen Zeit zwischen 1913 und 1918 entstanden sind. Seine späteren Werke – oft nur Wiederholungen – haben die Kälte und Klarheit seiner metaphysischen Bildwelt verloren.)  

Die im Großen und Ganzen sehr kompetente Führerin verlor kein Wort über de Chirico und erwähnte auch den Futurismus nicht. Stattdessen benutzte sie den Begriff „Magischer Realismus“ als roten Faden, kommentierte die Gemälde im Hinblick auf die Schlüsselwörter des Titels der Ausstellung „Unheimlich real“ und zog Vergleiche zur Neuen Sachlichkeit und zum Magischen Realismus in Deutschland. Kunstgeschichtlich herrscht heute weitgehend Einmütigkeit darüber, dass das Ende des Ersten Weltkrieges auch das Ende des Expressionismus und des Kubismus mit sich brachte. Nach dem Chaos des Krieges erfolgte eine Rückkehr zu einer Kunst der realistischen Darstellung. Es war quasi ein Ruf zur Ordnung, zu Nüchternheit und Sachlichkeit. Das Attribut von Bildern, magisch zu sein, kam auf, als Maler begannen, ihre Werke mit geschlossenen Büchern, seltsamen Objekten, kunstvollen Faltenwürfen von Vorhängen und Kleidern sowie Personen ohne Blickkontakt untereinander zu verrätseln und zu verfremden. Ob dabei das Attribut des Magischen in Italien entstand und ca. 1922 nach Deutschland exportiert wurde oder ob der Begriff den umgekehrten Weg nahm, ist ungeklärt. Auf jeden Fall aber wurden in  Deutschland beide Begriffe seit 1925 mehr oder weniger synonym verwendet. An dem Oxymoron scheint sich niemand gestört zu haben.

In Essen begann die Führung vor dem in Italien berühmten Porträt der Silvana Cenni von Felice Casorati (1883-1963) aus dem Jahr 1922. Auf dem kompositorisch streng gegliederten Gemälde ist eine sitzende junge Frau mit geschlossenen Augen abgebildet. Haltung und Gesichtsausdruck der jungen Frau, Zentralperspektive für die Hintergrundlandschaft sowie die sorgfältige Komposition eines weißen Kleides und eines Wandteppichs knüpfen stilistisch an die Meister des fünfzehnten Jahrhunderts an und rufen bei den Besuchern wahrscheinlich Erinnerungen an Ghirlandaio und andere Porträts aus der Zeit wach.
Besondern erwähnen möchte ich noch folgende Werke: Nachmittag in Fiesole von B. Bacci, zwei hyperrealistische Akte von C. di San Pietro, Zwei alte Frauen von C. di San Pietro, Die Schüler von F. Casorati, Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse von U. Oppi, zwei Stillleben von G. Sciltian, Die Familie des armen Pulcinella von G. Severini und das Porträt der Signora Rostirolla von V. Timmel.

Im Katalog heißt es zusammenfassend: „Der Magische Realismus ist eine künstlerische Haltung. Die Gemälde changieren zwischen Melancholie und Idylle, zwischen Zivilisationsmüdigkeit und Fortschrittspathos. Altmeisterlich ist ihr Farbauftrag, klassisch sind ihre Motive: Stillleben, Porträts, Interieurs und Akte. Die Gemälde sind direkt, präsentieren die Gegenstände klar und deutlich und scheinen doch das Wesentliche zu verbergen. Geschlossene Bücher, Musikinstrumente, Masken und Maskeraden sind ein ebenso wiederkehrendes Bildsujet wie verzerrte Perspektiven und Draperien. Sie weisen auf etwas Entscheidendes hin: die Künstler spielen mit den vermeintlichen Gegensätzen zwischen Realität und Künstlichkeit, vermischen Vordergründigkeit und Abgründigkeit.“

(Text von E. Gutzler, geschrieben im Nov. 2018)

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