Der Schatten Michelangelos- Rückblick auf die Exkursion "Der Göttliche. Hommage an Michelangelo - Raffael, Caravaggio, Rubens, Rodin, Cézanne, Struth"

Im vergangenen Herbst hielt der Bonner Kunsthistoriker Satzinger in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Düsseldorf einen Vortrag über das Nachwirken von Michelangelo und begann mit dem die Zuhörer überraschenden Satz, er wolle sich dem Thema mit vier Begriffen nähern: stehen, sitzen, liegen und schweben. Zur Illustration zeigte er eine moderne Fassung der bekannten Szene von der Decke der Sixtinischen Kapelle, in der Gott schwebend Adam das Leben gibt. In der amerikanischen Fassung war Gott durch Walt Disney ersetzt worden und die Engel durch allerlei bekannte Comic-Figuren. Das Publikum lachte – teilweise mit Verzögerung, teilweise betreten. Danach hielt er einen sehr anregenden Vortrag, zeigte zu den vier genannten Kategorien jeweils Schlüsselwerke von Michelangelo (den stehenden David, einen oder mehrere sitzende Jünglinge von der Decke der Sixtinischen Kapelle, die liegende Aurora und Gottvater in der Woge seines Mantels fliegend) und danach vielfältige Beispiele für die Rezeption dieser Figuren bis in unsere Zeit hinein

Zu diesem Thema läuft bis 25. Mai 2015 in der Bundeskunsthalle Bonn eine Ausstellung unter dem Titel „Der Göttliche – Hommage an Michelangelo“.  In der Ausstellung geht es primär nicht um die Präsentation von Meisterwerken Michelangelos (sie sind nur mit Abgüssen, Kopien und Fotografien vertreten), sondern um deren Rezeption und Verarbeitung in Form von Skulpturen, Plastiken, Gemälden, Zeichnungen und Drucken „nach Michelangelo“.

Leider beginnt die Ausstellung nicht wie der Vortrag mit dem provokanten Walt Disney als Gottvater, sondern sehr konventionell mit Michelangelos Porträt nach seiner Totenmaske und einem Vergleich mit einem Kopf Redons. Im ersten Raum geht es um „stehen“, die Besucher werden mit den beiden Gefangenen konfrontiert, die Michelangelo für das Grabmal des Papstes Julius II. schuf, die aber dem Papst nicht zusagten, deshalb ausgesondert wurden, in Privatsammlungen verschwanden und erst 280 Jahre später während der französischen Revolution  fürs Publikum zugänglich wurden. Dadurch setzte auch die Rezeption erst vergleichsweite spät ein, zu der in der Ausstellung u. a. eine moderne Aneignung mit einfachen Mitteln von Yves Klein (er besprühte eine Miniaturausgabe eines Sklaven mit seiner blauen Farbe) und eine teilweise bemalte, Apoll betitelte Figur von Lüpertz gezeigt werden. Ob Lüpertz mit diesem Vergleich ein Gefallen getan wurde, ob seine grobschlächtige Figur als kritische Distanzierung aufgefasst werden kann, mag jeder Besucher für sich entscheiden.

Den Übergang zum zweiten Raum markiert ein großes Foto des stehenden David von Candida Höfer. Dabei ist es der Fotografin gelungen, den Raum, in dem der David heute besichtigt werden kann, vom Fußboden bis zur Kuppel abzulichten, wodurch die Statue an Wucht verliert und auf Menschenmaß reduziert zu sein scheint.

Der zweite Raum ist dem Jüngsten Gericht von der Altarrückwand der Sixtinischen Kapelle gewidmet. Das riesige Original hat eine Größe von siebzehn mal dreizehn Metern, und in dem in einen Wirbel von fast vierhundert Gestalten aufgelösten Fresko überwiegen stehende Figuren, dazwischen sieht man aber auch sitzende, schwebende und stürzende. Übrigens sind fast ausschließlich Männer abgebildet, kaum Frauen. Mehr als zehn habe ich bislang nicht entdecken können. Wo sind nur all die toten Frauen geblieben? Vielleicht dürfen sie am Jüngsten Tag erst dann ihren Gräbern entsteigen, wenn die Männer sortiert und entweder der Verdammnis überantwortet oder ins Paradies geleitet worden sind. Wie dem auch sei, mit diesem Fresko hat Michelangelo ein fast unerschöpfliches Musterbuch menschlicher männlicher Körper in den unterschiedlichsten Haltungen geschaffen, ein Quell, aus dem viele Künstler nach ihm geschöpft haben. In Bonn ist vom Jüngsten Gericht eine stark verkleinerte Kopie aus der Zeit um 1570 ausgestellt, von der Experten sagen, sie habe die Farbigkeit des Originals gut getroffen.

Im anschließenden Raum wird als Beispiel des Sitzens einer von insgesamt zwanzig Jünglingen des Deckenfreskos gezeigt, das dreißig Jahre vor dem Jüngsten Gericht gemalt wurde. Zur Entstehung des Deckenfreskos gibt es das Gerücht, Raffael habe dem Papst vorgeschlagen, Michelangelo mit der Ausmalung zu beauftragen. Nicht aus Freundschaft, sondern aus Neid und weil er hoffte, Michelangelo werde an der Aufgabe scheitern. Er sollte sich irren. Obwohl Michelangelo sich immer als Bildhauer sah, war er auch ein großartiger Maler und fabelhafter Kolorist. Was wir erst seit der Reinigung der 90er Jahre wieder entdeckt haben. Viel mehr ist in Bonn von der Decke leider nicht sehen – von der bekannten und schon erwähnten Szene der Erschaffung Adams auch nur der noch matt auf der Erde liegende Adam – der heranfliegende Gottvater nebst neugieriger Eva wurde gestrichen. Warum?

In einem weiteren Ausstellungsraum wird die Thematik der Körperpositionen unterbrochen. Der Besucher sieht sich unvermittelt großen Fotografien gegenüber, die seinesgleichen zeigen: Besucher vor einem Kunstwerk. Das Kunstwerk ist allerdings nicht zu sehen, weil die Kamera seine Position eingenommen hat oder vielleicht versteckt daneben aufgestellt wurde. Beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass die Besuchergruppen alle nach oben blicken und dass sie auf einem Boden stehen, den wir von Candida Höfers David-Foto schon kennen: Wir befinden uns neben dem Sockel der David-Statue. Wenn wir jetzt noch einmal genau hinschauen, fällt uns vielleicht auf, dass auf einem Bild zwei der fotografierten Besucher nicht nach oben blicken, sondern in die Kamera und damit uns ansehen. Und schließlich gilt es, noch eine Raffinesse zu entdecken. Einer der Besucher hat seine Sonnenbrille in den Spalt seines Hemdes gesteckt, wodurch sich etwas in den Gläsern spiegelt: eine weiße Figur auf einem Sockel.

Bei der Fortsetzung des Rundgangs gelangen wir zu den liegenden Skulpturen mit der Nacht und der Morgenröte (der Aurora) vom Medici-Grabmal in Florenz. Vor allem diese Figuren haben eine anhaltende Nachwirkung erzielt, sie sind kopiert und abgewandelt worden, unter anderem von Rodin, der sich nach seinen eigenen Aussagen umfangreich mit ihnen auseinandergesetzt hat. An den Körpern der beiden Frauengestalten fällt auf, dass sie sehr muskulös wirken und ihnen weibliche Weichheit fehlt. Dass Michelangelo seine sexuelle Befriedigung bei Männern suchte, ist heute allgemein bekannt, nicht so bekannt ist, dass er männliche Modelle auch für die wenigen nackten Frauen, die er malte oder als Bildhauer schuf, benutzte. Trotz dieser Präferenz fürs eigene Geschlecht hat er einige außergewöhnlich schöne Frauen geschaffen: die Madonna von Brügge, die Pietà della Febbre und vor allem die Delphische Sibylle, die jüngste und reizvollste der fünf Sibyllen an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Ihr Kopf ist wunderbar und besitzt zusammen mit dem Kopftuch eine starke plastische Wirkung. Augen, Augenbrauen, Wangen, Nase, leicht geöffneter (fragender) Mund und Kinn bilden ein vollkommenes Gesicht. Dazu kommen Haltung und Bewegung der Figur sowie eine perfekte Farbgebung. Mit der Delphischen Sibylle hat Michelangelo ein Jahrhundertbild geschaffen.

In Bonn ist sie nicht zu sehen. Allerdings wüsste ich auch keinen späteren Künstler, der versucht hätte, diese Figur nachzuahmen oder modern zu interpretieren.                                                                      

 

Eric H. Gutzler

 

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