Von Michelangelo die Zeichnung, von Tizian die Farbe

Von Michelangelo die Zeichnung, von Tizian die Farbe

Von: Eric H. Gutzler

Der Wahlspruch „Von Michelangelo die Zeichnung, von Tizian die Farbe“ wird Jacopo Tintoretto zugeschrieben, der zusammen mit dem dreißig Jahre älteren Tizian und dem zehn Jahre jüngeren Veronese den Höhepunkt der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts verkörperte – zu einer Zeit, als es mit Venedig politisch und wirtschaftlich schon bergab ging. Von den drei Malern war Tintoretto der einzige „echte“ Venezianer. In Venedig geboren und in Venedig gestorben, hat er sein ganzes Leben in der Stadt zugebracht und fast ausschließlich für Auftraggeber aus der Stadt gearbeitet. Tintoretto hat viel und schnell gemalt. Sein erhaltenes Werk umfasst über 300 Bilder, teilweise in sehr großen Formaten, bei einem Drittel davon sind allerdings die Eigenhändigkeit umstritten und der Anteil der Gehilfen und der Werkstattarbeiten ungeklärt. Charakteristisch für sein Werk sind manieristische Merkmale: starke Hell-Dunkel-Kontraste, ungewöhnliche Perspektiven, Untersicht, fliegende Engel und stürzende Körper zuhauf sowie Menschen mit großen Gesten und in Bewegung. Betrachtet man verschiedene Bilder genauer, kann man außerdem feststellen, dass sich Teile, Figurengruppen und Figuren wiederholen, die von einem Bild auf ein zweites übertragen und dort mit anderen Elementen neu zusammengefügt wurden. Man könnte also sagen, dass Tintoretto die serielle Malerei erfunden hat. (Allerdings kann man Ähnliches auch schon bei Lukas Cranach beobachten.)
Seine Themen entnahm er der Bibel und der griechischen Mythologie. Außerdem hat er zahlreiche Porträts  verfertigt. Besonders gut lässt sich sein Können an einem Spätwerk studieren, an dem er in den letzten Jahren vor seinem Tod gearbeitet hat: dem „letzten Abendmahl“, das in der von Palladio erbauten Kirche San Giorgio Maggiore hängt.
In Vorwegnahme der anstehenden Feiern und Ausstellungen zu Tintorettos 500stem Geburtstag im kommenden Jahr hat das WRM in Köln eine Ausstellung zusammengestellt, die sich das Frühwerk zum Thema genommen hat und so angekündigt war. Dieser Hinweis auf das Frühwerk ist jedoch inzwischen aus den Prospekten und der Internet-Präsentation getilgt und durch den überflüssigen und unverbindlichen englischen Beisatz „a star was born“ ersetzt worden.
Eröffnet wird die Ausstellung mit zwei ungewöhnliche Bildern, einem „Liebeslabyrinth“ und der „Disputa“.  Die Zuschreibung des Liebeslabyrinths ist ganz neu. Noch in der umfassenden Monographie des italienischen Verlegers F. M. Ricci „Labyrinths. The Art oft the Maze“ aus dem Jahr 2015 wird Ludovico Pozzoserrato als Maler genannt (ein Flame, der eigentlich Lodewijk Toeput hieß). Während das Liebeslabyrinth ganz untypisch für Tintoretto erscheint, zeigt die „Disputa“ (Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten) viele Elemente, die für das Lebenswerk von Tintoretto typisch werden sollten: die große Tiefe des dargestellten Raums, in dessen Fluchtpunkt der junge Jesus gestenreich sitzt, das gifte Gelb des Gewandes der großen Figur rechts im Vordergrund, die Untersicht, die merkwürdige Reihung von sechs Köpfen zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten in Gelb, die Seitenansicht Mariens, der Gegenfigur des Schriftgelehrten, die links am Rand bewegungslos steht und den Ausführungen ihres Kindes lauscht. Dieses Bild ist wirklich großartig, das Werk eines Frühvollendeten, vielleicht sogar das beste Gemälde der Kölner Ausstellung.
Beim weiteren Rundgang durch die Ausstellung wird nicht erkennbar, wo die imaginäre Grenze zwischen dem Frühwerk und dem späteren Werk gezogen wurde. Ausgestellt sind beispielsweise die Gemälde „Der Sündenfall“ (aus der Accademia in Venedig) aus dem Jahr 1553, „Der heilige Georg tötet den Drachen“ (aus der National Gallery London) aus dem Jahr 1558 und das „Porträt eines älteren Mannes mit weißem Bart“ (aus dem Kunsthistorischen Museum Wien) aus dem Jahr 1564 (Entstehungszeiten nach Angaben einer italienischen Monographie – in der Kölner Ausstellung werden zum Teil abweichende Entstehungsjahre angegeben).
Auf den schon erwähnten „Sündenfall“ stößt man am Ende des Rundgangs. Er ist eine schöne Komposition, die auch von Rubens hätte gemalt sein können. Eva sitzt diagonal unter einem Baum und reicht Adam den Apfel, in den sie noch nicht gebissen hat. Adam sitzt schräg vor ihr (man sieht ihn nur in Rückenansicht), stützt sich mit dem linken Arm am Boden und hält den rechten Arm abwehrend vor den Mund. Aber wie wir wissen, siegte einen Moment später die Neugier. Auf dem Gemälde hat sich Tintoretto einen kaum bemerkbaren Scherz erlaubt: Unterhalb des Haaransatzes ist Adams Nacken von der Sonne des Paradieses leicht gebräunt – sein breiter Rücken aber ist bleich geblieben.
Wenige Meter entfernt hängt ein Gemälde mit dem Titel „Konzert der Musen“. Hier hat sich Tintoretto einen weiteren Scherz erlaubt. Laut Hesiod hatte Zeus mit Mnemosyne neun Töchter gezeugt, die Musen Klio, Euterpe usw. Tintoretto hat aber zehn Frauen gemalt …


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