Exkursion Hertogenbosch

Hieronymus Bosch neu gesehen

Über Hieronymus Bosch wissen wir wenig. Wer sich mit seinem Leben und seinen Werk beschäftigt, stößt auf viele Fragen, z. B.: Welche Vorbilder hatte er? Aus welchen Quellen schöpfte er seine phantastischen Erfindungen? In welcher Reihenfolge sind seine Gemälde entstanden? War er Mitglied eines Geheimbunds? Haben zwei Maler, ein älterer und ein jüngerer, seinen Namen benutzt?
Anlässlich des 500. Jahrestages seines Todes im August 1516 wurde im nordbrabantischen Museum seiner Heimatstadt ‘s-Hertogenbosch eine umfassende Werkschau mit 100 Ausstellungsobjekten (Gemälden, Zeichnungen und Buchillustrationen) zusammengestellt. In Vorbereitung dieser Retrospektive wurden in einem internationalen „Bosch Research Project“ zahlreiche Werke detailliert untersucht, teilweise restauriert und im Hinblick auf die Entstehungszeit neu bewertet. Bevor ich zu den teilweise überraschenden Beurteilungen komme, zunächst einige historische Anmerkungen.
Hieronymus Bosch wurde zwischen 1450 und 1453 geboren – dem Jahr, in dem die Osmanen Konstantinopel eroberten. Er hat sein ganzes Leben in ‘s-Hertogenbosch verbracht (über längere Reisen ist nichts bekannt) und starb auch dort. Zu seinen Lebzeiten blieb die Stadt von Kriegswirren verschont; sie gehörte zum Herzogtum Brabant, das 1430 an Burgund gefallen war und 50 Jahre später in den Besitz Habsburgs gelangte.
Wie es der Zufall will, gibt es einen berühmten Zeitgenossen, der fast identische Lebensdaten aufweist: Leonardo da Vinci; er lebte von 1452 bis 1519. Aber im Hinblick auf die Bildthemen und die Malweise kann man sich schwerlich einen größeren Unterschied vorstellen als den zwischen Bosch und Leonardo da Vinci. Auch die Schaffung der wesentlichen Werke verlief zeitbezogen völlig unterschiedlich. Während Leonardo bereits in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts zahlreiche Meisterwerke gemalt hatte (z.B. „Die Dame mit dem Hermelin“, „Die Madonna mit der Nelke“ und die erste Fassung der „Madonna in der Felsengrotte“), entstanden die Hauptwerke Boschs in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten. Hingegen ähneln sich die beiden in ihrer ungewöhnlichen Kreativität, die sich bei Leonardo in seinen vielen erfindungsreichen Zeichnungen von Maschinen und Vorrichtungen (z. B. einem Unterseeboot und einem Fallschirm) zeigte und bei Bosch in seinen phantastischen Mischwesen und Dämonen. Diese Kunst lässt sich nicht aus seinem Leben ableiten, und die Biographie, die die Entstehungsbedingungen seiner Visionen erklärt, wurde noch nicht geschrieben und wird sich vermutlich nie schreiben lassen. Was die Kunstströmungen der Zeit betrifft, lag ‘s-Hertogenbosch im Abseits. Die Kunstzentren waren im Westen Brabants und in Flandern Gent, Antwerpen, Brüssel, Tournai und Lille. Aber selbst wenn Bosch dort ausgebildet worden wäre, hätte er keinen Lehrer gehabt, dessen Werke ihm als Vorbild für seine Themen hätten dienen können. Auch das Research-Projekt ermittelte keine neuen Erkenntnisse zu den Quellen seiner phantastischen Erfindungen, sondern veränderte nur einige Zuschreibungen und Annahmen zu Entstehungszeiten einzelner Gemälde.
Das auf uns gekommene Gesamtwerk Boschs umfasst 60-70 Gemälde, von denen der Kunsthistorikers Charles de Tolnay 35 als Originale anerkannte, 10 für Kopien verlorener Originale hielt und weitere 15 für umstritten erklärte. Eine italienische Werkmonographie aus einer Reihe des Rizzoli-Verlags enthält 70 Gemälde, von denen 37 als Originale anerkannt werden, und zählt 70 weitere Werke auf, die nur in Urkunden erwähnt wurden, wobei Doppelnennungen aber nicht auszuschließen sind.
Eine besondere Schwierigkeit der Bosch-Forschung war und ist die Festlegung der Entstehungszeiten der einzelnen Werke, weil Bosch nie mit einer Jahreszahl signiert hat und weil mit einer Ausnahme (der Bestellung eines „Jüngsten Gerichts“ von Philipp dem Schönen, dem Vater Karls V., im Jahr 1504) keine schriftlichen Dokumente vorhanden sind. Das Problem der Entstehungszeiten möchte ich am Beispiel der fünf großen Triptychen darlegen. Tolnay konnte nur stilkritische Überlegungen anstellen und nahm an, „Der Heuwagen“ sei 1495 oder früher entstanden, „Die Versuchung des heiligen Antonius“ (Fassung Lissabon) danach, aber auch noch vor dem Jahr 1500, „Das Jüngste Gericht“ (Fassung Wien) noch vor dem „Garten der Lüste“ und „Die Anbetung der heiligen drei Könige“ (Fassung Madrid) sei ein Alterswerk. Das Research-Projekt kommt auf der Grundlage der Untersuchung des Alters der Holztafeln zu einer ganz anderen Reihenfolge. Danach ist „Die Anbetung der heiligen drei Könige“ (Fassung Madrid) das älteste Werk und entstand zwischen 1490 und 1500; anschließend entstanden „Der Garten der Lüste“ zwischen 1495 und 1505, „Das Jüngste Gericht“ (Fassung Wien) zwischen 1500 und 1505, „Die Versuchung des heiligen Antonius“ (Fassung Lissabon) vor 1510, „Der Heuwagen“ aber zwischen 1510 und 1516!
Diese sensationell zu nennende Neubewertung scheint am deutschen Feuilleton vorbeigegangen zu sein. So gibt Benedikt Erenz in seiner Besprechung der Ausstellung in der Zeit vom 21.2.2016 immer noch 1490 als Entstehungsjahr des „Heuwagens“ an.
In der bis Anfang Mai laufenden Ausstellung werden 20 Originale gezeigt, wovon fünf Neuzuschreibungen des Research-Projektes sind. Von  den großen Triptychen ist leider nur „Der Heuwagen“ zu sehen und vom „Garten der Lüste“ eine Kopie. Gegliedert ist die Hängung nach Themengruppen, die ich als etwas verwirrend empfand. Dagegen ist der Einsatz mehrerer Monitore, die Einzelheiten und Details der Bilder zeigen, sehr hilfreich und kann nur zur Nachahmung empfohlen werden. Auf die Rätsel über einen zweiten, jüngeren Maler, den sogenannten Meister M, und über die wenig wahrscheinliche Mitgliedschaft Boschs in einem häretischen Geheimbund lässt sich der Ausstellungskatalog nicht ein, dagegen wartet er noch mit der Überraschung auf, das wunderbare Fragment eines Jüngsten Gerichts aus der Alten Pinakothek in München sei von einem Bosch-Nachfolger gemalt worden.
Die Ausstellung wandert im Sommer nach Madrid, wo sie in veränderter Form gezeigt wird, u. a. mit dem Original des „Gartens der Lüste“ und mit der „Versuchung des heiligen Antonius“, die aus Lissabon ausgeliehen werden konnte.
Abschließend sei bemerkt, dass die Gruppe des Freundeskreises, die die Ausstellung in ‘s-Hertogenbosch besuchte, im Anschluss noch einen ungewöhnlichen Spaziergang über das Dach der Johannes-Kathedrale unternahm, wo man die vielen Skulpturen von Menschen, Tieren und Dämonen auf den Strebebögen aus größter Nähe betrachten konnte.
Text: Eric Gutzler im April 2016

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenDie Webredaktion des Instituts für Kunstgeschichte