Exkursion nach Hagen

Ein Zimmer für Alfred Flechtheim

ist für zwei Monate im Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen eingerichtet. 23 Mitglieder des Freundeskreises besuchten am 24. Februar das Kunstquartier Hagen. Die Kunsthistorikerin Dagmar Winkler erzählte die spannende Geschichte des Karl-Ernst-Osthaus-Museums, sie zeigte uns die Museumsarchitektur und die ständige Sammlung und führte uns durch zwei Sonderausstellungen.

Seit 2009 sind im Kunstquartier Hagen das neue Emil Schumacher Museum und das Osthaus Museum unter einem Dach vereint: Zwei Museen, inhaltlich und architektonisch voller Kontraste und dadurch mit überraschenden Wechselwirkungen.
Das jüngere Museum präsentiert das Schaffen des informellen Künstlers Emil Schumacher (er stammt aus Hagen und lebte von 1912 bis 1999) in einem rechteckigen Betonbau, der vollständig von einer transparenten Glashülle ummantelt ist.

Das andere nach umfassender Renovierung 2009 wiedereröffnete Museum wurde 1902 vom jungen Karl Ernst Osthaus (1874 bis 1921) als "Folkwang-Museum" gestiftet. Osthaus war begeisterter Kunstsammler, Mäzen und Organisator. In seiner Heimatstadt realisierte er viele Projekte wie z. B. die Künstlersiedlung Hohenhof. Osthaus wandte sich gegen die rückwärtsgerichteten Tendenzen des Wilhelminismus und strebte in seinen neuen musealen, architektonischen und städtebaulichen Konzepten die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Hebung des Lebensgefühls aller Menschen in der Stadt Hagen und im Ruhrgebiet an. Diese künstlerischen Aktivitäten werden heute als "Hagener Impuls" bezeichnet.

Das Folkwang-Museum war seinerzeit das modernste in Deutschland. Hier fanden zum ersten Mal in Deutschland Werke der Impressionisten und Expressionisten einen würdigen Platz: z. B. Renoir, Gauguin, Matisse, Cezanne, Munch, Heckel, Nolde, Kirchner und Christian Rohlfs. 1906 zeigte Osthaus die erste deutsche Einzelausstellung von Werken van Gogh's.

Für die Innengestaltung seines Museums für Moderne Kunst und neues Kunsthandwerk hatte Osthaus den belgischen Künstler und Gestalter Henry van de Velde (1863 bis 1957) gewonnen. Dieser schuf ein Jugendstil-Ambiente mit organisch fließenden Formen. Im Zentrum der Eingangshalle steht der Brunnen mit knienden Knaben von Georg Minne (1906), fünf Jünglinge werden sich gleich strecken und den Menschen an der Ruhr ein neues Zeitalter verkünden. Das Original steht allerdings seit 1922 in Essen, denn nach dem frühen Tod des Museumsgründers verkauften die Erben die Sammlung mitsamt dem Namen "Folkwang" an die Stadt Essen.
Im Obergeschoss sehen wir rekonstruierte Räume mit Malereien und Skulpturen aus den breitgefächerten Sammelgebieten von Karl Ernst Osthaus, diese Werke wurden nach dem Verlust der Folkwang-Sammlung an Essen neu erworben.
In der ehemaligen Museumsbibliothek zeigt Sigrid Sigurdsson (geb. 1943) eine Gesamtinstallation als Raumensemble "Die Architektur der Erinnerung - Das Museum im Museum". Die Künstlerin will für die Phänomene "Gedächtnis" und "Erinnerung" visuelle Ausdrucksformen schaffen. In Regalen lagern Gästebücher und Reisebücher, die von Museumsbesuchern gestaltet werden können. Besonders beeindruckt die Skulptur "Weltenbrand", eine Weltkugel aus abgebrannten Streichhölzern erinnert an 1914.

Zum Schluss führt uns Dagmar Winkler in die Sonderausstellung "Ce qui je suis maintenant - Ein Zimmer für Alfred Flechtheim in Hagen". Der 1878 in Münster geborene Flechtheim war Sammler und Kunsthändler, er brachte als erster Werke des jungen Picasso nach Deutschland. In der Weimarer Republik wurde er zu einem wichtigen Kenner und Förderer der avantgardistischen Kunst. 1933 musste er vor den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten fliehen, er starb 1937 verarmt in London. Das französische Zitat nimmt Bezug auf seinen Ausspruch, er sei durch Daniel-Henry Kahnweiler der geworden, der er jetzt gerade sei (Kahnweiler lebte von 1884 bis 1979 und war ein einflussreicher deutsch-französischer Galerist und Kunsthistoriker).

17 Künstler schufen jeweils zwei Werke für diese Ausstellung, Malereien, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien. Ihre Objekte beschäftigen sich mit dem Leben Flechtheims, seinem Wirken und Nachwirken als Sammler und Kunstfreund und mit der existentiellen Bedrohung, unter der er als Jude lebte. In Anlehnung an Flechtheims Wohnung in der Berliner Bleibtreustraße wurden die Arbeiten von Claudia Cosmo zu einem Zimmer arrangiert, nebeneinander, manchmal übereinander angeordnet.

Jörg Herold und Rosa Loy thematisieren Alfred Flechtheims große Nase, er hatte damit "immer den richtigen Riecher" für die aktuelle Kunst. Der Fotograf Martin Claßen zeigt die Spuren von Flechtheims Wirken in Deutschland: an der Atelierwand sind nur noch die Konturen der entfernten Bilder zu sehen. Lenz Geerk zeigt, wie vorher Nazistiefel die Tür zu Flechtheims Atelier eingetreten haben.

Es ist spannend zu sehen, wie Alfred Flechtheim auf heutige Künstler wirkt und wie sie die Widersprüche in Flechtheims Leben sehen.
Herzlichen Dank an Margrit Hammerschmidt für die Organisation der Reise nach Hagen (sie stand unter dem Damoklesschwert eines Lokführerstreiks) und der interessanten Führung im Osthaus-Museum!

Text: Paul Land

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