Auch Düsseldorfern kaum bekannt: das alte Benrather Schloss – (Führung im Sept. 2015)

Wer im Benrather Schlosspark von Norden kommend den Spiegelweiher entlanggeht und nach etwa zweihundert Metern links abbiegt, stößt auf ein langgestrecktes, gelb verputztes Gebäude, das allgemein unter dem Namen Orangerie bekannt ist. Dieses Gebäude ist der erhaltene Rest des alten Benrather Schlosses, das hier nach 1650 errichtet worden war und schon einhundert Jahre später dem neuen Schloss weichen musste.

Zum besseren Verständnis der Geschichte des alten Schlosses ein kurzer Überblick über den historischen Hintergrund: Nach einem Erbstreit fiel das Herzogtum Jülich-Berg (und damit das rechtsrheinische Gebiet von Königswinter bis Angermund) 1614 an die Wittelsbacher Herzöge von Pfalz-Neuburg. Da Jülich-Berg größer und bedeutsamer als Neuburg an der Donau war, nahmen die Herzöge während des Dreißigjährigen Krieges 1636 ihren Hauptsitz in Düsseldorf. Fünfzig Jahre später erbten sie erneut, diesmal die Kurpfalz und verlegten 1718 ihre Residenz erst nach Heidelberg, dann nach Mannheim und schließlich nach München, wodurch Jülich-Berg immer mehr zu einem aus der Ferne regierten Nebenland wurde.

Unter dem Titel „SehensWert“ läuft jetzt im Schlossmuseum bis Ende November 2015 eine Ausstellung zur Planungs- und Baugeschichte der Benrather Schlösser, in der auch das alte Schloss ausführlich gewürdigt wird.

Die heutige Orangerie war der Nordflügel des Wirtschaftshofes, dessen Südflügel und ein beide verbindender Arkadenbau vor hundert Jahren abgerissen wurden. Das eigentliche Schloss lag westlich des Wirtschaftshofes und ersetzte eine ältere Wasserburg, die ihrerseits bereits ein Nachfolgebau einer vermutlich im 12. Jahrhundert errichteten Burg der Herren von Benroide war.

Der Neubau als Wasserschloss mit einer Gartenanlage begann wenige Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, einer Zeit, in der das Heilige Römische Reich Deutscher Nation darniederlag, und kann als eines der ersten Landschlösser der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angesehen werden. Über sein Äußeres können wir uns dank mehrerer Zeichnungen und Gemälde des frühen 18. Jahrhunderts, die in der Ausstellung zu sehen sind, ein gutes Bild machen. Die Bilder zeigen das Schloss von Süden, von Norden und vom östlichen Wirtschaftshof. Man erkennt, dass der Architekt auf die traditionelle Bewehrung verzichtet und ein fast quadratisches Gebäude im italienischen Landhausstil mit einer Doppelturmfassade errichtet hatte, die an die Villa Medici in Rom erinnert. Über die Innenausstattung, zu der eine Gemäldesammlung gehört haben soll, wissen wir nur wenig. Dagegen konnte der nördlich der Orangerie angelegte Garten in den letzten Jahren rekonstruiert werden. Die Ausstellung enthält auch Gemälde der Erbauer, des Herzogs und späteren Kurfürsten Philipp Wilhelm von der Pfalz und seiner zweiten Gemahlin Elisabeth Amalie Magdalena von der Pfalz, Tochter des Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Obwohl sie siebzehn Kinder hatte, trieb sie das Bauprojekt des Wasserschlosses energisch voran und drückte ihm ihren Stempel auf. Der in Düsseldorf so populäre Kurfürst Jan Wellem war übrigens ihr ältester Sohn, und mit geschickter Heiratspolitik schuf sie verwandtschaftliche Beziehungen in halb Europa: Eine ihrer Töchter wurde Gattin des österreichischen Kaisers, eine andere Königin von  Spanien.

Höhepunkt einer Führung für den Freundeskreis war die Besichtigung von drei sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räumen in der Orangerie mit Prunkkaminen, Stuckdecken und Fresken mythologischer Themen. Den Grund für diese Ausstattung von Räumen des Wirtschaftshofes kann man sich heute schlecht erklären, vielleicht waren Verzögerungen beim Bau des eigentlichen Schlossgebäudes der Anlass. Am besten erhalten ist der sogenannte Artemissaal mit einer großartigen Stuckdecke und fünf Deckenfresken, wovon zwei Artemis (Diana) und zwei Aphrodite (Venus) zeigen. Nach dem Urteil von Prof. Schweizer, der uns führte, existiert im Umkreis von 200 km kein vergleichbarer Raum.

In einem anschließenden Raum befindet sich über dem Kamin ein Fresko von Amor und Psyche. Ihre Geschichte hat übrigens keinen uralten mythologischen Hintergrund, sondern ist ein Kunstmärchen des römischen Schriftstellers Apuleius, das er in seinen Roman „Der goldene Esel“ eingeschoben hat. Venus, eifersüchtig auf die Schönheit der Königstochter Psyche, beauftragt ihren Sohn Amor, Psyche zu erniedrigen. Der verliebt sich jedoch in das Mädchen und entführt es in seinen Palast, wo er sich seiner Gefangenen nur nachts nähert, damit seine Mutter nichts merkt. Eindringlich ermahnt er Psyche, sich nicht verleiten zu lassen, zu versuchen, herauszufinden, wer er sei. Eines Nachts nähert sie sich jedoch ihrem Geliebten mit einer Öllampe. Amor fühlt sich betrogen und fliegt davon.

Szenen aus der Geschichte von Amor und Psyche wurden in der Kunst häufig dargestellt. Besonders berühmt ist die Skulptur „Die Umarmung“ von Antonio Canova. Das Fresko über dem Kamin in Benrath zeigt den Augenblick, in dem Psyche im Schein der Lampe den schlafenden Amor betrachtet, und erinnert in der Ausführung an ein spätmanieristisches Gemälde von Jacopo Zucchi, das in Rom in der Villa Borghese hängt.

Eric H. Gutzler im Okt. 2015

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