Brügge – Kunstvermittlung vor Originalen

In das Groeningemuseum von Brügge führte Anfang Oktober eine Exkursion des Institutes für   Kunstgeschichte. Es ging erstmals darum, ein neues Lehrkonzept für die praktische Kunstvermittlung   zu erproben. Studierende sollten vor Ort und unter realen Bedingungen einem ausgewählten   Publikum Kunstwerke erklären. Als Publikum stellten sich dankenswerterweise 30 Mitglieder des   Kreises der Freunde zur Verfügung.  
Bereits im Juni wurden in einem Auswahlverfahren drei Teams aus je zwei Studierenden ausgesucht.   Sie überzeugten die Jury mit ihren Programmen, die sie im Rahmen des Vermittlungskonzeptes exklusiv für den Kreis der Freunde zusammengestellt hatten. Diese konzentrierten sich auf den Sammlungsschwerpunkt des Groeningemuseums, die altniederländische Kunst. In einem rotierenden   System starteten drei Gruppen mit je 10 Mitgliedern des Vereins. Durch die aufeinanderfolgenden   Führungen von jeweils einer Stunde wurde den Studierenden die Möglichkeit geboten, ihre Inhalte   dreimal zu präsentieren.  
Simone Schwenzer und Manuel Hase erklärten in einem geschichtlichen Überblick die Bedingungen   für die Blütezeit der altniederländischen Kunst, die eng mit dem prosperierenden Handelszentrum   Brügge verknüpft war. In ihr entstanden die Werke eines Jan van Eyck, Rogier van der Weyden   und Gerard David. Exemplarisch stellten sie dabei einige Highlights des 15. Jahrhunderts vor,   unter anderem das virtuos gemalte Porträt von Margarete van Eyck, der Ehefrau des berühmten   burgundischen Hofmalers. Auf einem Tablet-Computer zeigte Manuel Hase dazu eines der frühen autonomen Selbstbildnisse van Eycks und brachte so das Ehepaar imaginär wieder zusammen.

Gabriele Auer und Natalie Zimmer analysierten über van Eycks Gemälde „Joris van der Paele“ und   die „Taufe Christi“ von Gerard David umfassend die Formensprache der wirklichkeitsgetreuen   Darstellungen. Als Vergleichsmaterial zu van Eycks Bild hatten die Studierenden den Druck einer 36   Jahre später in Italien entstandenen Sacra Conversazione von Piero della Francesca mitgebracht.   Das machte die intime, ins weltliche Leben eingebundene Bildinnovation des flämischen Künstlers   besonders deutlich. In ihren Besprechungen ließen sie ebenfalls regionale Bezüge einfließen, wie sie   etwa bei der Landschaft eines David oder den Gewändern und Stoffen bei van Eyck zu entdecken sind.  
Neben den altniederländischen Meisterwerken konzentrierten sich Julia Moesgen und Julia Engels auf die flämischen Expressionisten, deren Arbeiten in den 20er und 30er Jahren des 20.   Jahrhunderts entstanden. Sie besprachen Werke der ersten und zweiten Latemer Gruppe, die nach   der Künstlersiedlung Sint-Martens-Latem benannt wurden. Dabei hoben sie stilistische Unterschiede eines Gustave Van de Woestyne und eines Constant Permeke hervor. Wie Jean-François Millet,   einer der führenden Künstler der Schule von Barbizon, widmete sich auch Permeke dem Thema   des Angelusgebets. Den passenden Bildvergleich stellte Julia Moesgen auf dem Display ihres Smartphones dar.  

Alle drei Teams banden die Zuhörer in ihre Führungen ein und ermöglichten so einen lebendigen   Austausch vor den Originalen. Es gelang ihnen dabei, die Interessen individuell auf die Gruppen   abzustimmen und damit die eigenen Kompetenzen zu stärken. Ein Lehrkonzept mit Zukunft, das in   Brügges malerischer Vergangenheit eine gelungene Premiere hatte. 

Text und Fotos: Sandra Abend

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenDie Webredaktion des Instituts für Kunstgeschichte