Exkursion "Rijksmuseum Amsterdam revisited" oder "Warum wollen alle die Nachtwache sehen?"

Wer nach mehrjährigem Umbau das wiedereröffnete Rijksmuseum Amsterdam besucht und sich noch an den alten engen und dunklen Eingang erinnert, wird von neuer Großzügigkeit überrascht. Der Zugang erfolgt jetzt durch den Innenhof, dessen Boden neun Meter abgesenkt wurde und in den man über breite Treppen hinabsteigt, die man ihrerseits durch das alte Kuriosum der durch das Gebäude führenden Straße betritt – einer Straße, für deren Erhalt die Amsterdamer Radfahrer das höchste Gericht des Landes anriefen und Recht bekamen. Der weite Innenhof erhielt eine Glasdecke - ähnlich wie sie schon im British Museum in London, im Museum der schönen Künste in Boston und ansatzweise im Albertinum in Dresden verwirklicht wurde. Vom Innenhof führen mehrere Eingänge in verschiedene Teile des großen Museums, das jetzt über vier Ausstellungsgeschosse verfügt. Durch die hinzugewonnene Ausstellungsfläche wurden auch die Anordnung der Objekte verändert und die frühere strenge Trennung zwischen Gemälden und Kunsthandwerk aufgegeben.
Im Untergeschoss wird jetzt Kunst des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts gezeigt, im Erdgeschoss das 18. Und 19. Jahrhundert, im ersten Obergeschoss das 17. Jahrhundert, und das Dachgeschoss beherbergt Werke des 20. Jahrhunderts. Diese den Besucher zunächst verwirrende zeitliche Anordnung ist dem Bauwerk zuzuschreiben, weil sich das Prachtgeschoss mit großer Vorhalle und Ehrengalerie im ersten Obergeschoss über der Durchgangsstraße befindet und dem Sammlungsschwerpunkt mit der Nachwache als zentralem Kunstwerk vorbehalten blieb.
An den Sammlungsschwerpunkten oder an den Lücken lässt sich leicht erkennen, dass die nördlichen Niederlande im 15. und 16. Jahrhundert noch der arme Bruder der wohlhabenden Provinzen Flandern und Brabant waren. Hier spielte die „kaufmännische“ Musik, während der durch Handel entstehende Wohlstand erst im 17. Jahrhundert den Norden erreichte. Entsprechend sind die Meister des 15. Jahrhunderts Jan van Eyck, Robert Campin, Rogier an der Weyden, Hugo van der Goes, Gerard David usw. nicht vertreten. Eine nennenswerte Ausnahme bildet lediglich „Die Heilige Sippe“ des jung verstorbenen Geertgen tot Sint Jans. Auch italienische Kunst ist nicht mit großen Werken zu sehen. In Erinnerung blieben mir nur ein Doppelporträt von Piero de Cosimo, eine sehr schöne Maria Magdalena von Carlo Crivelli sowie eine eindringlich geschnitzte lebensgroße stehende Maria einer Verkündigungsgruppe eines mir unbekannten Künstlers. Maria trägt ein langes rotes, unter der Brust gegürtetes Kleid und sieht den Betracht mit großen Augen ernst und leicht traurig an, als wisse sie, was sie erwartet. Ergreifend, großartig!

Für das 16. Jahrhundert ist Ähnliches zu vermelden: Bosch, Patinir, Pieter Brueghel, Marten van Heemskerck - Fehlanzeige, von niederländischer Renaissance und vom Manierismus gibt es nur Häppchen. Immerhin ist ein Hauptwerk von Lucas van Leyden (Tanz um das goldene Kalb) und noch eine schöne Maria Magdalena (diesmal von Jan van Scorel) zu sehen.
Verlässt man das Untergeschoss, wird man zu ebener Erde ins 19. Jahrhundert geworfen. Hier begann auch unsere Führung, wobei die Führerin vor den (mir bislang unbekannten) Amsterdamer Impressionisten verweilte und einen langen Vortrag über George Breitner, seine Stadtbilder und ungewöhnlichen Bildausschnitte hielt. Den Rest des Jahrhunderts ersparte sie uns (zu Recht) und schritt zur Vorhalle der Ehrengalerie empor. Ihr detaillierter, kenntnisreicher Vortrag über das Schicksal der Vorhalle war außerordentlich interessant. Im 19. Jahrhundert im Geschmack der Zeit historistisch ausgestattet und ausgemalt, gerieten die Ausstattung und die Gemälde im Lauf des 20. Jahrhunderts immer mehr in Misskredit, wurden verdeckt, übermalt oder abgenommen, bis ein kahler Raum entstanden war. Für die Renovierung besann man sich eines Besseren und versetzte die Halle mit großem Aufwand in den ursprünglichen Zustand zurück. Jetzt ist sie ein Schmuckstück – der schönste Raum des Museums.
An die Vorhalle schließt sich die Ehrengalerie an, an deren Ende man schon die Nachtwache erblicken kann – oder zumindest die oberen Teile davon, weil sie von Besucherscharen durchgehend belagert wird. Zuvor jedoch sind links und rechts mehrere bekannte Bilder zu sehen, die alle längst in die Kategorie der Gemäldesuperstars aufgestiegen sind, z. B. Vermeers Magd mit der Milchkanne, Rembrandts Judenbraut, Hals‘ Fröhlichen Trinker sowie mehrere Bilder von Jan  Steen und Pieter de Hooch. Auch Ruisdaels Mühle bei Duurstede sollte hier hängen, war aber nicht ausgestellt. Unsere Führerin verweilte bei mehreren dieser Gemälde. Leider sprach sie ohne Audiosystem, und da zur gleichen Zeit mindestens zehn andere Gruppen von ihren Führern in unterschiedlichen Sprachen Erläuterungen erhielten, war der Lärm einem entspannten Zuhören sehr abträglich. Ich jedenfalls entzog mich diesem Gedränge und wanderte durch die stilleren Nebenräume. Welche Erklärung unsere Führerin zur Popularität der Nachtwache gab, ist mir deswegen entgangen.

Fazit: Wer die Gemälde, die das Rijksmuseum berühmt gemacht haben, in Ruhe betrachten möchte, sollte sich schon zu Öffnungsbeginn am Eingang einfinden und schnurstracks in die erste Etage steigen. Dann hat er vielleicht eine halbe Stunde Zeit, bevor dort das große Gedränge einsetzt.

Text: Eric Gutzler, Fotos:Karin Land

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenDie Webredaktion des Instituts für Kunstgeschichte