Aktuelle Vorlseungen im Sommersemester 2019

Die Architektur der Frühgotik
apl. Prof. Dr. Jürgen Wiener
Mo. 10:30-12:00h, HS 2A

Die Entstehung und Entwicklung der gotischen Kathedrale, auf die die französische Sakralarchitektur zwischen dem mittleren 12. und dem mittleren 13. Jahrhundert oft reduziert wird, ist eines der faszinierendsten Kapitel der Architekturgeschichte. Für Hans Sedlmayr war die gotische Kathedrale sogar der höchste Gipfel der europäischen Kunst. Wie er haben auch andere Protagonisten des Faches Interpretationen vorgelegt, die immer auch den Stand des fachlichen Reflexionspotentials ausloteten. Zu nennen wäre die materialistisch-technizistische Interpretation von Viollet-le-Duc im Zeitalter der beginnenden industriellen Moderne, gefolgt von einer evolutionistischen Idee autonomer Stilentwicklung plastisch gegliederter Räume durch Gall, als Stil noch physiognomisch-psychologischer Ausdruck von Epochen war. Die Wende zu einer phänomenologisch-essentialistischen Betrachtung der gotischen Kathedrale setzte mit Hans Jantzens Aufsatz zum gotischen Innenraum ein. Für Jahrzehnte war nun die Forschung überzeugt von einem Konstrukt einer gotischen Spiritualität, die sich in absteigender Linie von Jantzen über Sedlmayr, Erwin Panofsky und Otto von Simson immer mehr von der anschaulichen Erscheinung entfernte. Die Wende nach 1968 zu einem politisch kontextualisierten Materialismus in der Gotikrezeption war daher auch eine Rückkehr zu konkreten Gestaltungsprozessen innerhalb einer hierarchischen Bauorganisation. Sie war auch eine Wende zu einer didaktischen Konzeption des entmündigten Lesers, dem man eigenes schauendes Erkennen mehr zutraut. Ihm gibt man nun Antwort auf die ihm in den Mund gelegte Frage: „Was ist Gotik?” Ausgeblendet wurde bei der materialistisch-pädagogischen Gotikforschung mehr und mehr die künstlerische Invention einer außergewöhnlichen Mannigfaltigkeit von Formen als die entscheidende Leistung dessen, was Gotik ausmacht, und die als historische Gestaltungsleistung von Individuen zu beschreiben wäre. Nicht neue ganzheitliche Deutungen und definitorische Scheinsicherheiten, sondern die Möglichkeit erkennenden Sehens in ihrer Relation zu gängigen Deutungsmustern und den ihnen zugrundeliegenden Metaerzählungen wird das Zentrum dieser Vorlesung bilden.

 

Gattungen und ihre Diskurse in Bild und Text
Prof. Dr. Valeska von Rosen
Di. 10:30-12:00h, HS 2C


Die bildenden Künste der (Frühen) Neuzeit erbten ebenso wie die Dichtkunst und die Musik aus der Antike das grundsätzliche Bewusstsein für Gattungen, welche die spezifische ‚Sprache‘ der Kunstwerke konditionieren. Was in der frühen Kunsttheorie zunächst nur rudimentär formuliert wird, nämlich eine Rangfolge der Gattungen nach Medien, nach Sujets und nach Aufgaben, wird seit dem französischen Akademiewesen elaboriert und – etwa mit Bezug auf Bildsujets in der berühmten „Fünfzahl“ (Historie, Porträt, Landschaft, Genre und Stillleben) – normiert. In der Vorlesung wird es nicht vorrangig um die Modelle, die im kunsttheoretischen Schreiben entwickelt wurden, gehen; der Fokus wird vielmehr auf den impliziten Gattungsvorstellungen in den Kunstwerken selbst liegen. Interessieren soll auch, wie Gattungen entstehen und sich ausdifferenzieren, wie Gattungsverstöße legitimiert werden und wie am Beginn der Moderne das Gattungsgerüst emphatisch über Bord geworfen wird – wobei die Werke selbstredend nicht ohne das entsprechende Gattungswissen adäquat verstanden werden können.



Materie, Material, Materialität
Prof. Dr. Timo Skrandies
Do. 10:30-12:00h, HS 2A


Schon in den frühestens Artefakten der Kulturgeschichte lässt sich ein Materialbewusstsein der Gestaltung erkennen. Und doch wurde die materielle Dimension von gestalteten Objekten und insbesondere von Kunstwerken sowohl in der künstlerischen Praxis als auch in der Kunsttheorie lange Zeit als unwichtig, nebensächlich oder gar störend angesehen. Form, Inhalt, Idee, Stil u.ä. schienen entscheidendere Kriterien ästhetischer Diskurse und Praktiken zu sein. Die dann seit um 1800 intensiver und differenzierter werdende Fokussierung aufs Materielle kann insofern auch als künstlerische Reflexion jener historischen Vorbedingungen verstanden werden. Künstlerische Praxis, Werke und kulturelle wie ästhetische Deutungsmuster bleiben auch hier aufeinander verwiesen. Daher wird die Vorlesung Dimensionen des Materiellen an ausgewählten Werken vorstellen und wichtige materialtheoretische Annahmen erläutern und erörtern.




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